Kategorie: Alternative Beziehungsmodelle

  • Das Beziehungsebenen-Modell

    Im Jahr 1890 betrug in Deutschland die durchschnittliche Ehedauer 20 Jahre, wie die Soziolog:innen Ulrich Beck und Elisabeth Beck-Gernsheim in ihrer fantastischen Analyse „Das ganz normale Chaos der Liebe“ festhalten (Lektüre highly recommended!). Geheiratet wurde ultra jung, danach folgten oft viele Kinder, die grossgezogen wurden, dann waren die 20 Jahre um und man starb.

    Heute werden wir im Durchschnitt sehr viel älter, und ob man eher 12 Kinder, oder doch eher 2 oder gar keine bekommt, ist grundsätzlich kontrollierbar. Sex bedeutet nicht mehr Gefahr!, man kann sich sowohl vor Schwangerschaften wie auch vor sexuell übertragbaren Krankheiten schützen. Frauen sind zudem finanziell oft nicht mehr abhängig von einem Mann, sie sind genau so gut ausgebildet.

    Diese Faktoren verändern das „traditionelle“ Paargefüge enorm. Wenn wir heute unsere*n Partner*in mit 30 kennenlernen, haben wir hypothetisch noch 50 gemeinsame Jahre vor uns. Uns selbst wenn wir schon 50 sind, bleiben uns noch 30 Beziehungsjahre. 30 Jahre!! Trotzdem halten die meisten Menschen an einem Beziehungsideal fest, als hätten wir immer noch 1890. Monogam und bis dass der Tod uns scheidet.

    Mit 34, nach 16 Jahren monogamer und sehr symbiotischer Beziehung realisierte ich, dass ich diese Lebensform unmöglich noch 50 weitere Jahre leben kann. Sie taugt nicht für unsere langen Leben und für die grundsätzlich möglichen sexuellen und anderweitigen Freiheiten.

    Meine Kernfrage war seither immer diese: Wie kann man heute, mit diesen veränderten Bedingungen, nachhaltige Partnerschaften leben?

    Mitten in unserer Vor-Trennungs-Beziehungskrise, in einem Café sitzend, kritzelten mein Partner und ich unsere Lösung zu diesem Problem auf eine Serviette: das Beziehungsebenen-Modell. Mittlerweile ist es für uns ein Leitmotiv geworden. Ich möchte es an dieser Stelle teilen.

    Unser Modell geht davon aus, dass wir mit jeder Person, mit der wir in Beziehung treten, egal ob Nachbar, Arbeitskollegin oder Partner, eine oder mehrere Beziehungsebenen teilen. Mögliche Beziehungsebenen sind: geteilte Aktivitäten und Interessen; gemeinsames Wohnen/Alltag; gemeinsame Projekte/Arbeitsbeziehung; Elternschaft; emotionale Nähe/Freundschaft; körperliche Nähe/Sexualität; Alltagsbegegnungen (zB durch Nachbarschaft), und Fürsorge und Unterstützung. Für meinen Partner und mich ist die emotionale Nähe die wichtigste und überdauernde Ebene. Zudem haben wir uns entschieden, immer füreinander da zu sein. In Form praktischer Hilfe, psychischer Unterstützung und auch materiell. Was wir nun anstreben: Alle anderen Ebenen dürfen sich laufend verändern. Ob wir gerade zusammen wohnen, oder nicht. Oft gemeinsame Aktivitäten unternehmen, oder nicht. Sex haben, oder nicht. Etc. All das darf in Bewegung sein, und stellt unsere grundsätzliche Verbundenheit nicht in Frage.

    Wir befinden uns nun im 3. Jahr der Umsetzung, und ich bin sehr unbesorgt, dass es auch weiterhin klappt.

  • Wegkommen vom «Entweder – Oder»

    Geht es um klassische romantisch-sexuelle Beziehungen, kennen die meisten Menschen nur das Entweder-Oder. Entweder man ist „zusammen“, oder nicht.

    In dieser Logik geht «Zusammensein» mit Folgendem einher: man ist sich gegenseitig die zentralste und wichtigste Person im Leben, alle anderen Beziehungen sind der Paarbeziehung untergeordnet. Man plant mit dieser einen Person seine nähere und fernere (private) Zukunft, ist ihr körperlich am nächsten und hat mit ihr Sex. Ausserdem lernt man Freund*innen und Familie voneinander kennen und unternimmt generell viel gemeinsam. Zudem scheint es wichtig zu sein, die Nächte gemeinsam zu verbringen und in den meisten Fällen früher oder später zusammen zu ziehen. Das (unbewusste) Ziel: zunehmende Verschmelzung with the one.

    Oder, man ist getrennt: von diesem Moment an muss man sich sukzessive oder auch sehr plötzlich voneinander „entflechten“. Die andere Person darf nun keine allzu hohe Wichtigkeit mehr einnehmen im eigenen Leben. Man spricht nur noch das Nötigste, plant sein Leben ohne sie, hat keinen oder kaum noch Körperkontakt und unternimmt nichts mehr zusammen. Man kann nicht (mehr) zusammen wohnen und auch nicht mehr beieinander übernachten, und die Beziehungen zu ihren Freund*innen und ihrer Familie lösen sich abrupt auf oder sind in Frage gestellt.

    Beziehung als Hochrisiko-Spiel. Alles oder nichts. Zwischentöne? Graustufen? Fehlanzeige. Das wäre emotional nicht möglich, es wäre viel zu kompliziert und schwierig.

    Okay.

    Nachdem ich mich nach zwei qualvollen Krisenjahren mit Depressionen, Panikattacken und existenziellen Ängsten von meinem Partner getrennt hatte, mit dem ich 17 Jahre «zusammen» gewesen war, wurde mir klar, was für ein Bullshit dieses Entweder-Oder ist. Ihn aus meinem Leben zu verbannen wäre mir so vorgekommen, als würde man mir ein Bein oder einen Arm amputieren wollen. Warum sollte er mir nun nicht mehr wichtig sein? Wieso sollte ich nun nichts mehr mit ihm unternehmen können? Wieso sollte ich ihn nun nicht mehr berühren wollen? Wieso sollte ich nicht mehr an seinem Alltag Anteil nehmen? Ihm nahe sein?

    Wieso tun sich andere Menschen gegenseitig so etwas an? (Sofern die Beziehung nicht gewaltvoll oder auf sonstige Weise „toxisch“ war).