Kategorie: Kommunikation

  • Downsides

    Ich wäre gerne allen Leuten gegenüber offen, was meine Beziehungsform angeht, und gehe in der Regel auch offensiv damit um. Leider ist das nicht überall möglich. Meine Familie weiss bis heute nichts davon, und insbesondere meinen Eltern gegenüber ist es für mich unvorstellbar, mich ihnen gegenüber zu öffnen. Ich komme aus einer dysfunktionalen Familie und das Verhältnis zu meinen Eltern ist bereits sehr belastet. Die Familie meines Partners weiss Bescheid, aber seine Eltern können damit sehr schlecht umgehen. Seit unserer vorübergehenden Trennung vor mehr als vier Jahren habe ich sie nicht mehr gesehen.

    Einige meiner Freunde wissen ansatzweise Bescheid, aber sie sind selbst so getriggert durch das Thema, dass ich es ihnen gegenüber vermeide. Das ist schade, weil es auf einer Freundschaftsebene Distanz schafft.

    Es gibt weitere vereinzelte Personen, denen ich es bisher nicht gesagt habe, weil ich befürchte, dass sie aus allen Wolken fallen würden und ich endlos erklären müsste (vielleicht zu Unrecht). Dafür hatte ich bisher keine Energie.

    Dann gibt es noch solche, bei denen es mir egal ist, dass sie es nicht wissen, zum Beispiel meinen Chef. Für ihn bin ich verheiratet, weil das so auf meinem Personalblatt steht. Oder meine Nachbarn. Sie kennen zwar meinen Partner und wundern sich vielleicht, dass auch andere Männer bei mir ein- und ausgehen.

    Zu sagen ist auch, dass der allergrösste Teil meines Umfelds ziemlich detailliert informiert ist und absolut wunderbar und offen damit umgeht.

    Aber ja, es bleibt eine Minderheitserfahrung. Wenn man sich mitteilt, ist es jedes Mal ein „Outing“, bei dem man grundsätzlich auch mit unangenehmen Reaktionen rechnen muss.

    Phasenweise fühlte ich mich ziemlich allein, weil niemand, den ich kannte, so lebte. (Inzwischen bin ich nicht mehr die Einzige in meinem Umfeld, yay!) Selbst auf Poly-Treffen stiess ich mit meiner Form der Nicht-Exklusivität auf staunende Gesichter. Mittlerweile bin ich da gelassener. Auch, weil ich für mich so fest weiss, dass es genau richtig ist so.

  • Wohlwollen und Kommunikation

    Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie unfassbar viele Gespräche mein Partner und ich seit dem Aufbrechen des Tabus miteinander geführt haben. 1000 Mal sich überwinden, 1000 Mal sich entblössen, 1000 Mal sich fürchten, 1000 Mal zusammen weinen, 1000 Mal nicht weiterkommen, 1000 Mal zusammen um Worte ringen, 1000 neue Anläufe, 1000 Mal hin- und herüberlegen vor dem nächsten Gespräch, abwägen, reflektieren. Sich mit externen Fachpersonen beraten, zur Therapie gehen, einzeln und zusammen, Bücher lesen und Podcasts anhören, mit Freund:innen reden, an seine Grenzen kommen, am Ende der Kräfte sein. Dranbleiben. Sich wieder und wieder finden. Und vor allem: Wohlwollend bleiben miteinander. Ohne Wohlwollen und Vertrauen ginge nichts davon.

    PS: Mittlerweile ist es längst nicht mehr so intensiv.

    PPS: Wir kommunizieren souveräner denn je.

  • Spielraum

    Ich mag das Bild des Spielraums zwischen zwei Menschen. Unabhängig davon, in welcher Beziehung zwei Menschen zueinander stehen, gibt es in der Regel einen Spielraum. Es gibt Dinge, die mit der einen Person möglich sind, und Dinge, die mit einer anderen Person möglich sind. Mit der einen Person kann ich gut über das Leben philosophieren, mit der anderen ist es schön, gemeinsam Musik zu machen, und mit einer dritten passt es, zusammen Ferien zu verbringen. Dahinter steht eine neugierige, verspielte Haltung, den gemeinsamen Spielraum zu erkunden und herauszufinden, wo dessen Grenzen liegen. Der Spielraum ist dabei nichts Statisches, sondern, wie immer im Leben, dynamisch und veränderlich – zumindest bis zu einem gewissen Grad. Freundschaften funktionieren in der Regel genauso: Man entdeckt, wo es passt, und lebt diese Bereiche gemeinsam aus. Den Rest lässt man weg. Romantische Beziehungen hingegen beginnen wir in der Regel nicht so, sondern mit einer Liste mehr oder weniger bewusster Erwartungen daran, wer das Gegenüber für uns sein soll. Diese Erwartungen sind oft überfrachtet. Das romantische Gegenüber soll alle möglichen Rollen erfüllen, damit die Beziehung „gut“ ist. Oder aber das Gegenteil passiert. Die sozialen Erwartungen erdrücken uns und wir fürchten uns deshalb davor, romantische Beziehungen einzugehen. Was ich versuchen möchte, ist, auch romantischen Beziehungen mit einer Spielraum-Haltung zu begegnen. Das erfordert viel Reflexion über die eigenen Bedürfnisse und Grenzen sowie Kommunikation. Das ist anstrengend. Aber bisher lohnt es sich.

  • Worte finden für das Unsagbare

    Wie sagt man seinem Partner, dass man sich von einem anderen Mann angezogen fühlt? Horror.

    Ich wusste, dass ich es meinem Partner sagen musste, als ich es vor mir selbst nicht länger kleinreden konnte.

    Schon früher war es ein- oder zweimal vorgekommen, dass mir andere Männer den Kopf verdreht hatten. Aber nicht im Traum wäre es mir in diesen Fällen eingefallen, meinem Partner davon zu erzählen. Dieses Mal war es jedoch anders, viel intensiver. Rückblickend war ich eindeutig verliebt, aber das hätte ich mir nie eingestanden. Sich zu verlieben wäre für mein damaliges Ich das größte No-Go ever gewesen. So etwas passiert nur Leuten, die danach suchen, die sich ihrer Beziehung nicht sicher sind. Und ich suchte ja nicht danach, flirtete nicht einmal mit anderen Männern und liebte meinen Partner.

    Und doch spürte ich, dass es wichtig war – für mich, für uns – es auszusprechen.

    Doch wie bricht man ein Tabu?

    Rückblickend erkenne ich vor allem die riesige Kluft zwischen meinem inneren Gefühl und dem, was ich tatsächlich aussprach. Es gäbe da einen Mann, mit dem ich so ein bisschen einen flirty Vibe hätte … Eventuell. Es sei nichts weiter, nur das.

    In diesem ersten Versuch, der mich den ganzen Mut dieser Welt kostete, vermochte ich meinem Partner lediglich einen kleinen Einblick in das zu geben, was in mir vorging. Ich habe es kleingeredet und runterspielen wollen, auch vor mir selbst. Mehr ging einfach nicht. Unmöglich.

    Irgendwo im Hinterkopf hegte ich die leise Hoffnung, dass wir vielleicht irgendwann einmal die Möglichkeit einer offenen Partnerschaft erörtern könnten. Aber okay, das war noch kilometerweit entfernt.