erfahrungen einer offenen beziehung

  • Nicht mehr zusammen wohnen 1/2

    Für meinen Partner und mich ist es immer wieder interessant, die Reaktionen von Menschen, die uns nicht nahestehen und nicht alle Entwicklungen hautnah mitbekommen haben, auf unsere Wohnsituation zu erleben. Wir lebten etwa 15 Jahren zusammen und seit mittlerweile fünf Jahren in unterschiedlichen Städten. Meine Feststellung: Es löst Irritation aus. Viele reagieren offen und interessiert, andere skeptisch. Irritation und Erstaunen schwingen jedoch fast immer mit. Allein bei diesem Punkt merke ich, dass wir nicht der Norm entsprechen. Denn Paare ziehen spätestens nach ein paar Jahren zusammen und ein erneutes Auseinanderziehen ist dann eigentlich ausgeschlossen. Als Paar zusammen in eine eigene Wohnung zu ziehen, gilt als Zeichen des Commitments, da die zunehmende Verschmelzung ja immer das Ziel romantischer Beziehungen ist. Wir finden das so selbstverständlich, dass wir in der Regel gar nicht darüber nachdenken. Auch ich dachte, oder vielmehr fühlte, früher so. Klar.

    Wenn ein*e Partner*in plötzlich den Wunsch äussern würde, wieder ohne den*die Partner*in wohnen zu wollen, würde das mit hoher Wahrscheinlichkeit eine grosse Krise auslösen.

    Heute denke ich, dass es doch irgendwie schräg ist, dass romantische Beziehungen und Partnerschaften so unflexibel und starr sind. Wenn sie nicht genau nach Norm ablaufen, stürzen wir sofort in Unsicherheiten. Aber die Normen einzuhalten, ist auf Dauer sehr einengend, believe me. Denkt nur an all die unglücklichen Langzeitpaare in eurem Umfeld. Daher hier ausnahmsweise mal ein Tipp: Genau wie die Frage nach der Monogamie würde ich auch die Frage des Wohnens und (Wieder-)Auseinanderziehens unbedingt von Beginn an in einer Beziehung ansprechen und diskutieren – just to add some flexibility!

  • Emotionale Sicherheit

    Können sich polyamor oder offen lebende Personen nicht wirklich committen? Haben sie einfach Bindungsprobleme? Einige vermutlich schon, wobei sich diese Gruppe sicher nicht auf polyamor und offen lebende Personen beschränkt (und nebenbei: Auch diese Menschen sollen schliesslich Beziehungen gemäss ihren Möglichkeiten und Bedürfnissen führen dürfen).

    Auf mich trifft es jedenfalls nicht zu. Wenn ich weiss, dass ich etwas kann, dann ist es die committete Langzeitbeziehung. Ich brauche verlässliche Beziehungen in meinem Leben, in denen ich mich geborgen und aufgehoben fühle. Ohne sie wäre ich lost, keine Frage. Bei meinem Partner und mir besteht diese Verlässlichkeit seit 21 Jahren und wir versichern sie uns gegenseitig immer noch sehr regelmässig. In diese Richtung entwickelt sich auch die frische romantische Beziehung, die ich führe. Auch in einigen Freundschaften ist Commitment vorhanden.

    In einer idealen Welt würde ich mir wünschen, dass wir emotionale Sicherheit noch viel stärker auch in nicht-romantischen Beziehungen suchen und erleben. Weil erstens bedeutet es per se ein hohes Risiko, Verlässlichkeit und Geborgenheit an eine einzige Person zu koppeln, wie das in klassischen Beziehungen meistens der Fall ist. Und zweitens ist es in meinen Augen kein starkes Fundament für eine Beziehung, emotionale Sicherheit an sexuelle Anziehung zu knüpfen. Sexuelle Anziehung ist etwas Flüchtiges. Sie kann sich davonmachen und macht das in den allermeisten Fällen auch irgendwann. Ob nach fünf, zehn oder 15 Jahren. Und dann? Die Gesellschaft hat auf diese Frage keine Antwort, ausser Trennung, Resignieren oder Fremdgehen. Mein Plädoyer: Transformieren wir unsere romantischen Beziehungen, gerade die langjährigen. Lassen wir sie flexibler und biegsamer sein, sodass sie sich mit dem Leben weiterentwickeln können. Wenn die klassische Beziehung nach x Jahren keine sexuelle mehr ist, sondern sich zu einer strapazierfähigen Partnerschaft entwickelt hat, ist das doch wunderbar! Dann behalten wir das doch bei und geben einander in romantischer Hinsicht wieder frei. Mir kommen die oft abrupten Beziehungsabbrüche bei Trennungen in klassischen Beziehungen bindungsmässig oft grausam vor. Die Person, mit der man gestern noch den gesamten Alltag geteilt hat, und die die wichtigste Person im Leben war, wird mit der Trennung praktisch aus dem Leben verbannt. What the hell. Und das soll „normal“ sein (siehe auch Beitrag «Wegkommen vom Entweder-Oder«)

    Seit ich offen/poly/beziehungsanarchistisch whatever lebe, erfahre ich eindeutig mehr bedeutungsvolle Bindungen als zuvor. Gleichzeitig bleibt mir auch die Möglichkeit, Beziehungen ohne oder mit weniger Commitment zu führen, wenn das für beide stimmt.

    Wer sich vertieft mit emotionaler Sicherheit, (eigenen) Bindungsmustern etc. in nicht-monogamen Beziehungen auseinandersetzen möchte, der*m lege ich das Buch „Polysecure“ der Psycho- und Paartherapeutin Jessica Fern ans Herz. Obwohl es erst 2023 publiziert wurde, gilt es bereits jetzt als Standardwerk zu diesem Thema.

  • Wie soll das zeitlich gehen?

    Immer wieder höre ich Bedenken, wie es ressourcentechnisch funktionieren kann, mehr als eine Partnerschaft und/oder romantische Beziehung zu haben. Das Leben ist doch mit einer einzigen Partnerperson und allen anderen Verpflichtungen und Tätigkeiten schon so voll – wie sollen da mehrere Platz haben?

    Für mich geht das, weil ich diese Beziehungen zeitlich nicht mehr so übermässig priorisiere, wie das in klassischen Settings meistens der Fall ist. Weil ich auch Zeit mit anderen mir wichtigen Menschen verbringen will, und, für mich sehr wichtig, ich auch genug Zeit für mich alleine möchte.

    Dossy Easton und Janet Hardy beschreiben in ihrem Klassiker „The Ethical Slut“ ein Beispiel von zwei polyamor/offen lebenden Personen, die sich seit vielen Jahren jedes Jahr für „one hot weekend“ verabreden. Dazwischen halten sie kaum Kontakt, aber sind jedes Mal wieder hin und weg, einander zu sehen.

    So vieles ist möglich, wenn wir unseren Blick etwas öffnen.

  • Erotik

    Heterosexuelle Paare sind häufig mit sexueller Unlust seitens der Frau konfrontiert. Eine neuere Studie zeigt nun, dass dies stark mit ungleich verteilter Hausarbeit und den damit verbundenen unsichtbaren Verantwortlichkeiten zu Lasten der Frau zusammenhängt, dem sogenannten «mental load». Die Frauen nehmen ihre Partner als abhängig von sich wahr, ähnlich wie Kinder es sind (so steht es tatsächlich in der Studie). Und das Gefühl zu haben, man sei auch noch die Care-Giverin für den Partner, ist, surprise, sexuell abturnend. Neben dem Drandenken, dass die Bettwäsche gewechselt und Staub gewischt werden sollte, schliesst der «mental load» auch die Pflege sozialer Beziehungen mit ein. Auch dies bleibt in Hetero-Beziehungen vor allem an den Frauen hängen. Hinzu kommt, dass Frauen für ihre Partner oft die einzigen Personen sind, mit denen sie über Persönliches sprechen, während Frauen meistens ein grösseres soziales Netz pflegen und sich mit verschiedenen Freund:innen austauschen. Auch hier sind Männer also abhängiger.

    Meine Beobachtung aus meinem persönlichen Umfeld ist, dass Frauen ihren Partnern in kommunikativen und emotionalen Kompetenzen oft haushoch überlegen sind, und die Beziehung auf dieser Ebene nicht auf Augenhöhe stattfindet. Die Frauen spielen, provokativ formuliert, auch noch ein bisschen «emotionale Geburtshelferin» für ihre Partner. Sie helfen ihnen auf die Sprünge, ihren Gefühlen auf den Grund zu gehen, sie zu benennen, und zu reflektieren, und müssen in diesem Prozess mit einer Menge an verletzendem und unreifem Verhalten dealen. Sexy? Eher nicht. Kürzlich war ich mit einer guten Freundin Mittag essen, und sie verkündete, von nun an keinen Strich mehr als 50% der emotionalen Arbeit in Beziehungen zu übernehmen. High Five, Sister! (obwohl natürlich auch die Erkenntnis der ungleichen Verteilung, das Überlegen und Umsetzen von Strategien, wiederum emotionale Arbeit für die Frau bedeutet. Aaargh)

    Meine persönlichen take-aways aus diesen heterosexuellen Problemlagen:

    • Allein (bzw. ohne Partner) wohnen vermeidet unsexy Beziehungsthemen, und ist der Erotik zuträglich (High five an mich!)
    • Die Beziehung anpassen. Wenn ich unglaublich auf ihn stehe, aber merke, dass es emotional/kommunikativ schwierig ist, belasse ich es vielleicht lieber bei einer schönen Affäre, als ihn zum Zentrum meines Lebens zu machen (das würde ich sowieso nicht empfehlen). Ich konzentriere mich auf das, was zwischen uns gut funktioniert, und lasse den Rest weg (siehe Blog Post zum Thema «Spielraum»).
  • Beziehungsanarchie

    Welchen Beziehungen geben wir wie viel Raum? Emotional, aber auch zeitlich?

    Während meiner 17-jährigen klassischen Partnerschaft hatte ich keine emotional nahen, von meinem Partner unabhängigen Freundschaften, die diese Bezeichnung tatsächlich verdient hätten. Er deckte literally alles für mich ab.

    Während unseres Trennungs- und Transformationsprozesses begann mich das zunehmend zu stören. Ich begann mich grundsätzlich zu fragen, wie sinnvoll es eigentlich ist, dass wir romantischen Beziehungen oft so überproportional gigantisch viel Raum geben in unseren Leben. Mir fiel die extrem steile Hierarchie auf, die romantische Beziehungen von Freundschaften unterscheidet. Meistens nimmt die romantische Beziehung einen Master-Status ein. Das heisst, die romantische Beziehung ist die bedeutsamste und zeitintensivste, alle anderen Beziehungen kommen da nicht ran. Von Pärchen wird oft in der «ihr»- und «wir»-Form gesprochen. Man sieht sich als exklusive Einheit und wird als solche wahrgenommen. «Verlieren» wir diese eine Person, ist das Ausmass der Katastrophe verheerend.

    Für mich ergab das alles immer weniger Sinn. Natürlich ist es etwas Wunderbares, eine Verliebtheit auszuleben und eine neue Person intensiv kennenzulernen. Aber daraus muss doch nicht zwingend folgen, dass ich 90% meiner Zeit nun mit dieser Person zusammenklebe. Ich kann das steuern und gestalten. Und ich merke: Für mich gibt es keine kategorialen Unterschiede mehr zwischen romantischen Beziehungen und Freundschaften. Mir ist es genauso wichtig, zu meinen Freundinnen und Freunden emotionale Nähe zu haben und genügend Zeit mit ihnen zu verbringen, wie mit Menschen, mit denen ich romantisch-sexuell verbunden bin. Ich freue mich genauso, meine gute Freundin zu treffen, wie meinen neuen Crush. Ich erlebe es als befreiend, die unterschiedlichen Beziehungsqualitäten nicht mehr miteinander vergleichen zu müssen. Sie alle sind für mich auf unterschiedliche Weise und aus unterschiedlichen Gründen einzigartig und wertvoll, und in dem Sinn auch ausser Konkurrenz zueinander.

    Dahinter steht einerseits eine Haltung, andererseits eine gelebte Praxis. Das heisst, ich versuche, so zu leben, dass sich diese Haltung auch darin niederschlägt, mit wem ich wie viel Zeit verbringe, und wie regelmässig ich mich bei meinen Liebsten melde (was natürlich nicht immer klappt). Mit verschiedenen Menschen verbunden zu sein, hat mein Leben enorm bereichert. Es ist so viel spannender und horizonterweiternder. Und es ist ein super Gefühl, tatsächlich von einem «sozialen Netz» getragen zu werden und nicht von einer einzelnen Person abhängig zu sein.

    * Wer sich intensiver damit beschäftigen möchte, empfehle ich das Buch «Das Ende des Romantikdiktats» von Andrea Newerla. Für mich war es das beste Buch zum Thema alternative Beziehungsformen.

  • If avoidung any risk goes first on your list, it’s your fear that is alive, not you

    Ein Freund hat kürzlich zu Recht angemerkt, dass unser „Beziehungsebenen-Modell“ recht abstrakt ist. Da emotional mitzukommen sei noch einmal etwas ganz anderes. Er fragte mich, wie ich das erlebe. (An dieser Stelle nur ganz kurz: Im besagten Modell geht es darum, dass sich Beziehungen verändern dürfen. Das heisst für meinen Partner und mich: Ob wir gerade zusammen wohnen oder nicht, viel Zeit zusammen verbringen oder nicht, körperliche Intimität leben oder nicht … All das stellt unsere grundsätzliche Verbundenheit und unsere Beziehung nicht infrage. Die „Beziehungsebenen“ können und dürfen je nach Lebensphase unterschiedlich ausgeprägt sein.)

    Damit einher ging (und geht) ein kompletter Wandel des Mindsets. Das bedeutete etwa vier Jahre lang mehr oder weniger konstante emotionale Schwerstarbeit. Einmal durch die emotionale Hölle und zurück. Ganz am Anfang rang ich zum Beispiel enorm damit, wieso ich überhaupt das Bedürfnis habe, Sexualität ausserhalb meiner Partnerschaft zu leben. Stimmt etwas nicht mit mir? Bin ich derart willensschwach? Warum kann ich nicht einfach dankbar sein für diesen fantastischen Mann an meiner Seite und die Füsse stillhalten? Monate lang versuchte ich immer wieder, dieses Bedürfnis auszulöschen, weil ich die möglichen Konsequenzen so fürchtete. Manchmal hatte ich das Gefühl, innerlich regelrecht zu dissoziieren, sodass ich keinerlei Gefühle mehr wahrnahm und dachte, nun sei vielleicht alles gut. Bis ich merkte, dass das nicht funktionierte und ich in Panikattacken verfiel (die ich schon von früher kannte). Ein zweites Beispiel: Als mein Partner zum ersten Mal eine Freundin hatte, befanden wir uns gerade im Übergang zwischen unserer Trennung und unserem erneuten Zusammenfinden. Ich fand seine Beziehung emotional ganz und gar nicht easy. Ich fühlte mich bedroht. Ich war neidisch, dass er diese Erfahrung machen und seine Verliebtheit ausleben konnte, während mir das untersagt blieb. Teilweise überkamen mich Abscheu und Ekel und ich zweifelte massiv daran, ob das mit uns gut kommt.

    Noch schlimmer allerdings wäre es für mich immer gewesen, mich diesen Gefühlen nicht zu stellen und ihnen nicht auf den Grund zu gehen. Mein persönliches Worst-Case-Szenario wäre, von Angst getrieben zu leben. Etwas nur aus Angst zu tun oder zu unterlassen, ist für mich kein ausreichender Grund für irgendetwas. Vermutlich war es dieser existenzielle Widerwille, mich der Angst zu beugen, der mich letztlich immer wieder angetrieben hat. Ich möchte nicht von Angst, Neid oder Schmerz angetrieben sein, sondern von Liebe, Vertrauen und Grosszügigkeit. Zudem weiss ich aus langjähriger Erfahrung mit der Angst (Panikattacken etc. lassen grüssen): Kein Zustand ist schlimmer, lähmender, schädlicher, als in der Angst zu bleiben. Es stattdessen zu wagen, ist für mich immer die bessere Variante.

  • Wohlwollen und Kommunikation

    Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie unfassbar viele Gespräche mein Partner und ich seit dem Aufbrechen des Tabus miteinander geführt haben. 1000 Mal sich überwinden, 1000 Mal sich entblössen, 1000 Mal sich fürchten, 1000 Mal zusammen weinen, 1000 Mal nicht weiterkommen, 1000 Mal zusammen um Worte ringen, 1000 neue Anläufe, 1000 Mal hin- und herüberlegen vor dem nächsten Gespräch, abwägen, reflektieren. Sich mit externen Fachpersonen beraten, zur Therapie gehen, einzeln und zusammen, Bücher lesen und Podcasts anhören, mit Freund:innen reden, an seine Grenzen kommen, am Ende der Kräfte sein. Dranbleiben. Sich wieder und wieder finden. Und vor allem: Wohlwollend bleiben miteinander. Ohne Wohlwollen und Vertrauen ginge nichts davon.

    PS: Mittlerweile ist es längst nicht mehr so intensiv.

    PPS: Wir kommunizieren souveräner denn je.

  • Spielraum

    Ich mag das Bild des Spielraums zwischen zwei Menschen. Unabhängig davon, in welcher Beziehung zwei Menschen zueinander stehen, gibt es in der Regel einen Spielraum. Es gibt Dinge, die mit der einen Person möglich sind, und Dinge, die mit einer anderen Person möglich sind. Mit der einen Person kann ich gut über das Leben philosophieren, mit der anderen ist es schön, gemeinsam Musik zu machen, und mit einer dritten passt es, zusammen Ferien zu verbringen. Dahinter steht eine neugierige, verspielte Haltung, den gemeinsamen Spielraum zu erkunden und herauszufinden, wo dessen Grenzen liegen. Der Spielraum ist dabei nichts Statisches, sondern, wie immer im Leben, dynamisch und veränderlich – zumindest bis zu einem gewissen Grad. Freundschaften funktionieren in der Regel genauso: Man entdeckt, wo es passt, und lebt diese Bereiche gemeinsam aus. Den Rest lässt man weg. Romantische Beziehungen hingegen beginnen wir in der Regel nicht so, sondern mit einer Liste mehr oder weniger bewusster Erwartungen daran, wer das Gegenüber für uns sein soll. Diese Erwartungen sind oft überfrachtet. Das romantische Gegenüber soll alle möglichen Rollen erfüllen, damit die Beziehung „gut“ ist. Oder aber das Gegenteil passiert. Die sozialen Erwartungen erdrücken uns und wir fürchten uns deshalb davor, romantische Beziehungen einzugehen. Was ich versuchen möchte, ist, auch romantischen Beziehungen mit einer Spielraum-Haltung zu begegnen. Das erfordert viel Reflexion über die eigenen Bedürfnisse und Grenzen sowie Kommunikation. Das ist anstrengend. Aber bisher lohnt es sich.

  • Warum eine offene Beziehung? Teil 2, Game Changer

    Trennung. Meine eigene Wohnung. Unterschiedliche Städte. Nun konnte ich tun und lassen, was ich wollte und übte, eigenständig zu sein. Und wir merkten, dass unsere Zuneigung und Verbundenheit trotzdem bestehen blieben. Wir sahen uns immer noch regelmässig.

    Rückblickend beschrieb mir mein Partner, dass es für ihn entscheidend war, dass ich trotz unserer Trennung und meiner Verliebtheit immer noch seine Nähe suchte, und er spürte, wie wichtig er mir war.

    Für mich waren vor allem zwei Gespräche entscheidend, bei denen wir uns gegenseitig aufrichtig für den Schmerz entschuldigten, den wir einander im Trennungsprozess ungewollt und doch irgendwie unvermeidlich zugefügt haben. Am verletzendsten war für mich, dass er mir nicht glaubte und mir nicht vertraute in Bezug auf meine Ideen einer offenen Beziehung. Für ihn war das Schlimmste, dass ich ihm das Gefühl gab, nicht zu genügen. Ohne seine Anerkennung meines Schmerzes und seine Entschuldigung hätte ich ihm nicht wieder vertrauen können, dass sich dasselbe Drama in Zukunft nicht wiederholt. Umgekehrt erkannte ich in der Zwischenzeit die Zumutung, welche ich ihm auferlegte, anders sein zu sollen als er war. Das war der erste Game Changer für uns.

    Der zweite und finale Game Changer war die Kolumne „Die Sache mit der Verlustangst in Beziehungen“ von Jessica Sigerist im Magazin tsüri. Ich habe den Text geschickt bekommen und an ihn weitergeleitet. Und da war es auf einmal klar. Genau so!

    Wer nicht den ganzen Text lesen mag, hier ein Ausschnitt daraus.

    „(…) In meinem Beziehungsmodell, in dem die Grenzen zwischen Freundschaft und Liebesbeziehung verschwinden und verschiedene Beziehungen gleichzeitig existieren dürfen, dünkt mich (…) alles viel entspannter. Es gibt weniger «Entweder oder» und viel mehr «Sowohl als auch». Es gibt mega fest verknallt sein und trotzdem auch jede zweite Person an der queeren Party abknutschen wollen. Es gibt jahrelang gemeinsam durchs Leben gehen und trotzdem auch das Wochenende mit der neuen Flamme verbringen. Es gibt mir die Möglichkeit, Beziehungen so zu leben, wie es für mich und die daran Beteiligten gerade stimmt, ohne Beziehungen nach einer Checkliste in eine Kategorie einteilen zu müssen. Wir ficken zwar leidenschaftlich gerne, wollen aber unter keinen Umständen zusammen wohnen? Wunderbar. Wir sind beste Freund:innen und küssen uns gerne, haben aber keinen Sex? Geht klar! Wir sehen uns nur einmal im Jahr, weil wir weit auseinander wohnen, halten dazwischen nicht viel Kontakt, sind aber jedes Mal neu verliebt, wenn wir uns treffen? Relationship Goals, würde ich sagen! Ausserdem geben mir alternative Beziehungsformen die Möglichkeit, Beziehungen zu transformieren. Wenn man die Definition von Beziehung nicht so eng sieht, sieht man auch die Definition von Trennung nicht so eng. Dass bestimmte Aspekte einer Beziehung wegfallen oder sich verändern, heisst nicht, dass die ganze Beziehung beendet werden muss (…).“ Jessica Sigerist

  • Warum eine offene Beziehung? Teil 1, Trennung

    Wenn ich erzähle, dass ich in einer offenen Partnerschaft lebe, sagt das Gegenüber oft als Erstes „Das könnte ich nicht“.

    Wieso also ist es bei uns dazu gekommen? Weshalb „können“ wir das? 

    Der offenen Partnerschaft ging eine Trennung voraus. Das ist für unsere Geschichte sehr wichtig. Ich trennte mich, und zwar aus zwei Gründen.

    Der eine Grund betraf, obviously, die Monogamie und Romantik. Wie in anderen Beiträgen schon beschrieben, verliebte ich mich – und zwar gewaltig. In den 2 Jahren vor der Trennung versuchten mein Partner und ich, gemeinsam einen Weg zu finden, standen dabei aber an völlig unterschiedlichen Punkten. Die Verliebtheitserfahrung war dabei sehr prägend für mich, weil dieses Gefühl in unserer damaligen Partnerschaft absolut keinen Platz hatte. Mir ging es nicht nur darum, mit anderen Menschen schlafen zu können, sondern auch darum, frei zu sein in Bezug auf meine Gefühle, meine Sexualität, und wie ich diese gestalten möchte.

    Der andere Grund, der genau so entscheidend war, betraf meine damalige unhinterfragte, selbstverständliche Erwartung an eine Partnerschaft, dass es gemeinsame Projekte braucht. Mein Bedürfnis war es, gemeinsam coole Projekte zu reissen. Ich hatte viele Ideen über viele Jahre hinweg, und stiess mit diesen nie auf Begeisterung bei ihm. Bis zu dem Punkt, als mir dämmerte, dass er dieses Bedürfnis schlicht nicht hat, und ich die Perspektive für unser Leben komplett verlor. Denn für mich gab es (abgesehen von der Arbeit und gewissen Hobbys) nur das gemeinsame Leben. Ich war hochgradig symbiotisch und kaum eigenständig als Persönlichkeit. Doch ohne gemeinsame Perspektive konnte ich mir ein gemeinsames Leben nicht mehr vorstellen.

    Es war ein unendlich qualvoller Prozess. Ich trennte mich erst, als ich am absoluten Ende meiner Kräfte war. Eine Selbstrettung.

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