Ich wäre gerne allen Leuten gegenüber offen, was meine Beziehungsform angeht, und gehe in der Regel auch offensiv damit um. Leider ist das nicht überall möglich. Meine Familie weiss bis heute nichts davon, und insbesondere meinen Eltern gegenüber ist es für mich unvorstellbar, mich ihnen gegenüber zu öffnen. Ich komme aus einer dysfunktionalen Familie und das Verhältnis zu meinen Eltern ist bereits sehr belastet. Die Familie meines Partners weiss Bescheid, aber seine Eltern können damit sehr schlecht umgehen. Seit unserer vorübergehenden Trennung vor mehr als vier Jahren habe ich sie nicht mehr gesehen.
Einige meiner Freunde wissen ansatzweise Bescheid, aber sie sind selbst so getriggert durch das Thema, dass ich es ihnen gegenüber vermeide. Das ist schade, weil es auf einer Freundschaftsebene Distanz schafft.
Es gibt weitere vereinzelte Personen, denen ich es bisher nicht gesagt habe, weil ich befürchte, dass sie aus allen Wolken fallen würden und ich endlos erklären müsste (vielleicht zu Unrecht). Dafür hatte ich bisher keine Energie.
Dann gibt es noch solche, bei denen es mir egal ist, dass sie es nicht wissen, zum Beispiel meinen Chef. Für ihn bin ich verheiratet, weil das so auf meinem Personalblatt steht. Oder meine Nachbarn. Sie kennen zwar meinen Partner und wundern sich vielleicht, dass auch andere Männer bei mir ein- und ausgehen.
Zu sagen ist auch, dass der allergrösste Teil meines Umfelds ziemlich detailliert informiert ist und absolut wunderbar und offen damit umgeht.
Aber ja, es bleibt eine Minderheitserfahrung. Wenn man sich mitteilt, ist es jedes Mal ein „Outing“, bei dem man grundsätzlich auch mit unangenehmen Reaktionen rechnen muss.
Phasenweise fühlte ich mich ziemlich allein, weil niemand, den ich kannte, so lebte. (Inzwischen bin ich nicht mehr die Einzige in meinem Umfeld, yay!) Selbst auf Poly-Treffen stiess ich mit meiner Form der Nicht-Exklusivität auf staunende Gesichter. Mittlerweile bin ich da gelassener. Auch, weil ich für mich so fest weiss, dass es genau richtig ist so.
