Emotionale Sicherheit

Können sich polyamor oder offen lebende Personen nicht wirklich committen? Haben sie einfach Bindungsprobleme? Einige vermutlich schon, wobei sich diese Gruppe sicher nicht auf polyamor und offen lebende Personen beschränkt (und nebenbei: Auch diese Menschen sollen schliesslich Beziehungen gemäss ihren Möglichkeiten und Bedürfnissen führen dürfen).

Auf mich trifft es jedenfalls nicht zu. Wenn ich weiss, dass ich etwas kann, dann ist es die committete Langzeitbeziehung. Ich brauche verlässliche Beziehungen in meinem Leben, in denen ich mich geborgen und aufgehoben fühle. Ohne sie wäre ich lost, keine Frage. Bei meinem Partner und mir besteht diese Verlässlichkeit seit 21 Jahren und wir versichern sie uns gegenseitig immer noch sehr regelmässig. In diese Richtung entwickelt sich auch die frische romantische Beziehung, die ich führe. Auch in einigen Freundschaften ist Commitment vorhanden.

In einer idealen Welt würde ich mir wünschen, dass wir emotionale Sicherheit noch viel stärker auch in nicht-romantischen Beziehungen suchen und erleben. Weil erstens bedeutet es per se ein hohes Risiko, Verlässlichkeit und Geborgenheit an eine einzige Person zu koppeln, wie das in klassischen Beziehungen meistens der Fall ist. Und zweitens ist es in meinen Augen kein starkes Fundament für eine Beziehung, emotionale Sicherheit an sexuelle Anziehung zu knüpfen. Sexuelle Anziehung ist etwas Flüchtiges. Sie kann sich davonmachen und macht das in den allermeisten Fällen auch irgendwann. Ob nach fünf, zehn oder 15 Jahren. Und dann? Die Gesellschaft hat auf diese Frage keine Antwort, ausser Trennung, Resignieren oder Fremdgehen. Mein Plädoyer: Transformieren wir unsere romantischen Beziehungen, gerade die langjährigen. Lassen wir sie flexibler und biegsamer sein, sodass sie sich mit dem Leben weiterentwickeln können. Wenn die klassische Beziehung nach x Jahren keine sexuelle mehr ist, sondern sich zu einer strapazierfähigen Partnerschaft entwickelt hat, ist das doch wunderbar! Dann behalten wir das doch bei und geben einander in romantischer Hinsicht wieder frei. Mir kommen die oft abrupten Beziehungsabbrüche bei Trennungen in klassischen Beziehungen bindungsmässig oft grausam vor. Die Person, mit der man gestern noch den gesamten Alltag geteilt hat, und die die wichtigste Person im Leben war, wird mit der Trennung praktisch aus dem Leben verbannt. What the hell. Und das soll „normal“ sein (siehe auch Beitrag «Wegkommen vom Entweder-Oder«)

Seit ich offen/poly/beziehungsanarchistisch whatever lebe, erfahre ich eindeutig mehr bedeutungsvolle Bindungen als zuvor. Gleichzeitig bleibt mir auch die Möglichkeit, Beziehungen ohne oder mit weniger Commitment zu führen, wenn das für beide stimmt.

Wer sich vertieft mit emotionaler Sicherheit, (eigenen) Bindungsmustern etc. in nicht-monogamen Beziehungen auseinandersetzen möchte, der*m lege ich das Buch „Polysecure“ der Psycho- und Paartherapeutin Jessica Fern ans Herz. Obwohl es erst 2023 publiziert wurde, gilt es bereits jetzt als Standardwerk zu diesem Thema.

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