Dezentralisieren

Mit The One zu verschmelzen und bis ans Ende aller Tage in inniger Zweisamkeit zu leben, gilt noch immer als DER Weg zum glücklichen Leben. Für dieses gesellschaftliche Ideal gibt es einen Begriff: Amatonormativität. Gemeint ist die (Fehl-)Annahme, dass Menschen in einer (hetero)-romantischen Zweierbeziehung am glücklichsten sind.

Als Gesellschaft hängen wir diesem Ideal nach wie vor stark an — oft, ohne es überhaupt bewusst wahrzunehmen. Gleichzeitig fehlt uns kollektiv die Vorstellungskraft für Lebensmodelle jenseits der romantischen Paarbeziehung und der daraus hervorgehenden Kernfamilie. Aber das ist nochmals ein anderes Thema.

Zurück zur verschmolzenen Zweisamkeit: Damit dieses Ideal dauerhaft funktioniert, braucht es beträchtliche Beziehungsarbeit. Und statistisch gesehen wird diese noch immer überwiegend von Frauen geleistet. Sie machen sich häufiger Gedanken über die Beziehung und ihre Entwicklung, sprechen Konflikte eher an und bemühen sich stärker um emotionale Nähe. Gleichzeitig leiden viele unter der vergleichsweise geringen emotionalen und kommunikativen Kompetenz ihrer männlichen Partner (sorry guys).

Manchmal frage ich mich, ob in diesem weiblichen Sehnen nach vollständiger Verbundenheit nicht auch eine alte patriarchale Abhängigkeit nachhallt.

Aus progressiven Kreisen wird derzeit zu Recht an Männer appelliert, in all diesen Bereichen endlich aufzuholen. Wenn Männer in Sachen Beziehungskompetenz und Gleichberechtigung mal vorwärtsmachen würden, könnte das hetero-romantische Ideal doch funktionieren. Das scheint eine der dahinterliegenden Ideen der Appelle zu sein.

Persönlich habe ich auf dieses Lebensideal schon lange keine Lust mehr. Wieso?

Ich war selbst genau so eine Frau, für die die romantische Beziehung während der 17 Jahren meiner monogamen Partnerschaft oberste Priorität hatte. Darin lag für mich die Erfüllung des Lebens; alles andere erschien nebensächlich. Bis sich irgendwann die Erkenntnis einschlich, dass diese Lebensform sich längst nicht mehr erfüllend anfühlte, sondern zunehmend beengend und limitierend. Das Gemeinsame begann das Individuelle, Autonome und Unabhängige zu ersticken. Das betraf für mich die Sexualität ebenso wie den verschmolzenen Alltag — dieses permanente 24/7-Miteinander.

Sich der hetero-romantischen Idee zu entziehen, ist für mich deshalb auch ein feministisches Anliegen. Ich entziehe mich ihr, weil ich den Fokus meines Lebens nicht länger hauptsächlich auf einen Partner richten möchte. Deshalb lebe ich nicht mit einem Partner zusammen. Deshalb lebe ich nicht monogam. Deshalb sind mir meine Freundschaften und die Zeit mit mir selbst genauso wichtig wie romantische Beziehungen.

In diesem Zusammenhang begegne ich in letzter Zeit immer häufiger dem Begriff des „Dezentralisierens“. Frauen rufen andere Frauen dazu auf, Männer in ihrem Leben zu dezentralisieren — ihnen also den Hauptfokus des eigenen Lebens zu entziehen. Nicht, weil Männer unwichtig wären, sondern weil auch anderes und andere Menschen essenziell sind für ein erfülltes Leben.

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