Autor: jukorybi

  • Beziehungsanarchie

    Welchen Beziehungen geben wir wie viel Raum? Emotional, aber auch zeitlich?

    Während meiner 17-jährigen klassischen Partnerschaft hatte ich keine emotional nahen, von meinem Partner unabhängigen Freundschaften, die diese Bezeichnung tatsächlich verdient hätten. Er deckte literally alles für mich ab.

    Während unseres Trennungs- und Transformationsprozesses begann mich das zunehmend zu stören. Ich begann mich grundsätzlich zu fragen, wie sinnvoll es eigentlich ist, dass wir romantischen Beziehungen oft so überproportional gigantisch viel Raum geben in unseren Leben. Mir fiel die extrem steile Hierarchie auf, die romantische Beziehungen von Freundschaften unterscheidet. Meistens nimmt die romantische Beziehung einen Master-Status ein. Das heisst, die romantische Beziehung ist die bedeutsamste und zeitintensivste, alle anderen Beziehungen kommen da nicht ran. Von Pärchen wird oft in der «ihr»- und «wir»-Form gesprochen. Man sieht sich als exklusive Einheit und wird als solche wahrgenommen. «Verlieren» wir diese eine Person, ist das Ausmass der Katastrophe verheerend.

    Für mich ergab das alles immer weniger Sinn. Natürlich ist es etwas Wunderbares, eine Verliebtheit auszuleben und eine neue Person intensiv kennenzulernen. Aber daraus muss doch nicht zwingend folgen, dass ich 90% meiner Zeit nun mit dieser Person zusammenklebe. Ich kann das steuern und gestalten. Und ich merke: Für mich gibt es keine kategorialen Unterschiede mehr zwischen romantischen Beziehungen und Freundschaften. Mir ist es genauso wichtig, zu meinen Freundinnen und Freunden emotionale Nähe zu haben und genügend Zeit mit ihnen zu verbringen, wie mit Menschen, mit denen ich romantisch-sexuell verbunden bin. Ich freue mich genauso, meine gute Freundin zu treffen, wie meinen neuen Crush. Ich erlebe es als befreiend, die unterschiedlichen Beziehungsqualitäten nicht mehr miteinander vergleichen zu müssen. Sie alle sind für mich auf unterschiedliche Weise und aus unterschiedlichen Gründen einzigartig und wertvoll, und in dem Sinn auch ausser Konkurrenz zueinander.

    Dahinter steht einerseits eine Haltung, andererseits eine gelebte Praxis. Das heisst, ich versuche, so zu leben, dass sich diese Haltung auch darin niederschlägt, mit wem ich wie viel Zeit verbringe, und wie regelmässig ich mich bei meinen Liebsten melde (was natürlich nicht immer klappt). Mit verschiedenen Menschen verbunden zu sein, hat mein Leben enorm bereichert. Es ist so viel spannender und horizonterweiternder. Und es ist ein super Gefühl, tatsächlich von einem «sozialen Netz» getragen zu werden und nicht von einer einzelnen Person abhängig zu sein.

    * Wer sich intensiver damit beschäftigen möchte, empfehle ich das Buch «Das Ende des Romantikdiktats» von Andrea Newerla. Für mich war es das beste Buch zum Thema alternative Beziehungsformen.

  • If avoidung any risk goes first on your list, it’s your fear that is alive, not you

    Ein Freund hat kürzlich zu Recht angemerkt, dass unser „Beziehungsebenen-Modell“ recht abstrakt ist. Da emotional mitzukommen sei noch einmal etwas ganz anderes. Er fragte mich, wie ich das erlebe. (An dieser Stelle nur ganz kurz: Im besagten Modell geht es darum, dass sich Beziehungen verändern dürfen. Das heisst für meinen Partner und mich: Ob wir gerade zusammen wohnen oder nicht, viel Zeit zusammen verbringen oder nicht, körperliche Intimität leben oder nicht … All das stellt unsere grundsätzliche Verbundenheit und unsere Beziehung nicht infrage. Die „Beziehungsebenen“ können und dürfen je nach Lebensphase unterschiedlich ausgeprägt sein.)

    Damit einher ging (und geht) ein kompletter Wandel des Mindsets. Das bedeutete etwa vier Jahre lang mehr oder weniger konstante emotionale Schwerstarbeit. Einmal durch die emotionale Hölle und zurück. Ganz am Anfang rang ich zum Beispiel enorm damit, wieso ich überhaupt das Bedürfnis habe, Sexualität ausserhalb meiner Partnerschaft zu leben. Stimmt etwas nicht mit mir? Bin ich derart willensschwach? Warum kann ich nicht einfach dankbar sein für diesen fantastischen Mann an meiner Seite und die Füsse stillhalten? Monate lang versuchte ich immer wieder, dieses Bedürfnis auszulöschen, weil ich die möglichen Konsequenzen so fürchtete. Manchmal hatte ich das Gefühl, innerlich regelrecht zu dissoziieren, sodass ich keinerlei Gefühle mehr wahrnahm und dachte, nun sei vielleicht alles gut. Bis ich merkte, dass das nicht funktionierte und ich in Panikattacken verfiel (die ich schon von früher kannte). Ein zweites Beispiel: Als mein Partner zum ersten Mal eine Freundin hatte, befanden wir uns gerade im Übergang zwischen unserer Trennung und unserem erneuten Zusammenfinden. Ich fand seine Beziehung emotional ganz und gar nicht easy. Ich fühlte mich bedroht. Ich war neidisch, dass er diese Erfahrung machen und seine Verliebtheit ausleben konnte, während mir das untersagt blieb. Teilweise überkamen mich Abscheu und Ekel und ich zweifelte massiv daran, ob das mit uns gut kommt.

    Noch schlimmer allerdings wäre es für mich immer gewesen, mich diesen Gefühlen nicht zu stellen und ihnen nicht auf den Grund zu gehen. Mein persönliches Worst-Case-Szenario wäre, von Angst getrieben zu leben. Etwas nur aus Angst zu tun oder zu unterlassen, ist für mich kein ausreichender Grund für irgendetwas. Vermutlich war es dieser existenzielle Widerwille, mich der Angst zu beugen, der mich letztlich immer wieder angetrieben hat. Ich möchte nicht von Angst, Neid oder Schmerz angetrieben sein, sondern von Liebe, Vertrauen und Grosszügigkeit. Zudem weiss ich aus langjähriger Erfahrung mit der Angst (Panikattacken etc. lassen grüssen): Kein Zustand ist schlimmer, lähmender, schädlicher, als in der Angst zu bleiben. Es stattdessen zu wagen, ist für mich immer die bessere Variante.

  • Wohlwollen und Kommunikation

    Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie unfassbar viele Gespräche mein Partner und ich seit dem Aufbrechen des Tabus miteinander geführt haben. 1000 Mal sich überwinden, 1000 Mal sich entblössen, 1000 Mal sich fürchten, 1000 Mal zusammen weinen, 1000 Mal nicht weiterkommen, 1000 Mal zusammen um Worte ringen, 1000 neue Anläufe, 1000 Mal hin- und herüberlegen vor dem nächsten Gespräch, abwägen, reflektieren. Sich mit externen Fachpersonen beraten, zur Therapie gehen, einzeln und zusammen, Bücher lesen und Podcasts anhören, mit Freund:innen reden, an seine Grenzen kommen, am Ende der Kräfte sein. Dranbleiben. Sich wieder und wieder finden. Und vor allem: Wohlwollend bleiben miteinander. Ohne Wohlwollen und Vertrauen ginge nichts davon.

    PS: Mittlerweile ist es längst nicht mehr so intensiv.

    PPS: Wir kommunizieren souveräner denn je.

  • Spielraum

    Ich mag das Bild des Spielraums zwischen zwei Menschen. Unabhängig davon, in welcher Beziehung zwei Menschen zueinander stehen, gibt es in der Regel einen Spielraum. Es gibt Dinge, die mit der einen Person möglich sind, und Dinge, die mit einer anderen Person möglich sind. Mit der einen Person kann ich gut über das Leben philosophieren, mit der anderen ist es schön, gemeinsam Musik zu machen, und mit einer dritten passt es, zusammen Ferien zu verbringen. Dahinter steht eine neugierige, verspielte Haltung, den gemeinsamen Spielraum zu erkunden und herauszufinden, wo dessen Grenzen liegen. Der Spielraum ist dabei nichts Statisches, sondern, wie immer im Leben, dynamisch und veränderlich – zumindest bis zu einem gewissen Grad. Freundschaften funktionieren in der Regel genauso: Man entdeckt, wo es passt, und lebt diese Bereiche gemeinsam aus. Den Rest lässt man weg. Romantische Beziehungen hingegen beginnen wir in der Regel nicht so, sondern mit einer Liste mehr oder weniger bewusster Erwartungen daran, wer das Gegenüber für uns sein soll. Diese Erwartungen sind oft überfrachtet. Das romantische Gegenüber soll alle möglichen Rollen erfüllen, damit die Beziehung „gut“ ist. Oder aber das Gegenteil passiert. Die sozialen Erwartungen erdrücken uns und wir fürchten uns deshalb davor, romantische Beziehungen einzugehen. Was ich versuchen möchte, ist, auch romantischen Beziehungen mit einer Spielraum-Haltung zu begegnen. Das erfordert viel Reflexion über die eigenen Bedürfnisse und Grenzen sowie Kommunikation. Das ist anstrengend. Aber bisher lohnt es sich.

  • Warum eine offene Beziehung? Teil 2, Game Changer

    Trennung. Meine eigene Wohnung. Unterschiedliche Städte. Nun konnte ich tun und lassen, was ich wollte und übte, eigenständig zu sein. Und wir merkten, dass unsere Zuneigung und Verbundenheit trotzdem bestehen blieben. Wir sahen uns immer noch regelmässig.

    Rückblickend beschrieb mir mein Partner, dass es für ihn entscheidend war, dass ich trotz unserer Trennung und meiner Verliebtheit immer noch seine Nähe suchte, und er spürte, wie wichtig er mir war.

    Für mich waren vor allem zwei Gespräche entscheidend, bei denen wir uns gegenseitig aufrichtig für den Schmerz entschuldigten, den wir einander im Trennungsprozess ungewollt und doch irgendwie unvermeidlich zugefügt haben. Am verletzendsten war für mich, dass er mir nicht glaubte und mir nicht vertraute in Bezug auf meine Ideen einer offenen Beziehung. Für ihn war das Schlimmste, dass ich ihm das Gefühl gab, nicht zu genügen. Ohne seine Anerkennung meines Schmerzes und seine Entschuldigung hätte ich ihm nicht wieder vertrauen können, dass sich dasselbe Drama in Zukunft nicht wiederholt. Umgekehrt erkannte ich in der Zwischenzeit die Zumutung, welche ich ihm auferlegte, anders sein zu sollen als er war. Das war der erste Game Changer für uns.

    Der zweite und finale Game Changer war die Kolumne „Die Sache mit der Verlustangst in Beziehungen“ von Jessica Sigerist im Magazin tsüri. Ich habe den Text geschickt bekommen und an ihn weitergeleitet. Und da war es auf einmal klar. Genau so!

    Wer nicht den ganzen Text lesen mag, hier ein Ausschnitt daraus.

    „(…) In meinem Beziehungsmodell, in dem die Grenzen zwischen Freundschaft und Liebesbeziehung verschwinden und verschiedene Beziehungen gleichzeitig existieren dürfen, dünkt mich (…) alles viel entspannter. Es gibt weniger «Entweder oder» und viel mehr «Sowohl als auch». Es gibt mega fest verknallt sein und trotzdem auch jede zweite Person an der queeren Party abknutschen wollen. Es gibt jahrelang gemeinsam durchs Leben gehen und trotzdem auch das Wochenende mit der neuen Flamme verbringen. Es gibt mir die Möglichkeit, Beziehungen so zu leben, wie es für mich und die daran Beteiligten gerade stimmt, ohne Beziehungen nach einer Checkliste in eine Kategorie einteilen zu müssen. Wir ficken zwar leidenschaftlich gerne, wollen aber unter keinen Umständen zusammen wohnen? Wunderbar. Wir sind beste Freund:innen und küssen uns gerne, haben aber keinen Sex? Geht klar! Wir sehen uns nur einmal im Jahr, weil wir weit auseinander wohnen, halten dazwischen nicht viel Kontakt, sind aber jedes Mal neu verliebt, wenn wir uns treffen? Relationship Goals, würde ich sagen! Ausserdem geben mir alternative Beziehungsformen die Möglichkeit, Beziehungen zu transformieren. Wenn man die Definition von Beziehung nicht so eng sieht, sieht man auch die Definition von Trennung nicht so eng. Dass bestimmte Aspekte einer Beziehung wegfallen oder sich verändern, heisst nicht, dass die ganze Beziehung beendet werden muss (…).“ Jessica Sigerist

  • Warum eine offene Beziehung? Teil 1, Trennung

    Wenn ich erzähle, dass ich in einer offenen Partnerschaft lebe, sagt das Gegenüber oft als Erstes „Das könnte ich nicht“.

    Wieso also ist es bei uns dazu gekommen? Weshalb „können“ wir das? 

    Der offenen Partnerschaft ging eine Trennung voraus. Das ist für unsere Geschichte sehr wichtig. Ich trennte mich, und zwar aus zwei Gründen.

    Der eine Grund betraf, obviously, die Monogamie und Romantik. Wie in anderen Beiträgen schon beschrieben, verliebte ich mich – und zwar gewaltig. In den 2 Jahren vor der Trennung versuchten mein Partner und ich, gemeinsam einen Weg zu finden, standen dabei aber an völlig unterschiedlichen Punkten. Die Verliebtheitserfahrung war dabei sehr prägend für mich, weil dieses Gefühl in unserer damaligen Partnerschaft absolut keinen Platz hatte. Mir ging es nicht nur darum, mit anderen Menschen schlafen zu können, sondern auch darum, frei zu sein in Bezug auf meine Gefühle, meine Sexualität, und wie ich diese gestalten möchte.

    Der andere Grund, der genau so entscheidend war, betraf meine damalige unhinterfragte, selbstverständliche Erwartung an eine Partnerschaft, dass es gemeinsame Projekte braucht. Mein Bedürfnis war es, gemeinsam coole Projekte zu reissen. Ich hatte viele Ideen über viele Jahre hinweg, und stiess mit diesen nie auf Begeisterung bei ihm. Bis zu dem Punkt, als mir dämmerte, dass er dieses Bedürfnis schlicht nicht hat, und ich die Perspektive für unser Leben komplett verlor. Denn für mich gab es (abgesehen von der Arbeit und gewissen Hobbys) nur das gemeinsame Leben. Ich war hochgradig symbiotisch und kaum eigenständig als Persönlichkeit. Doch ohne gemeinsame Perspektive konnte ich mir ein gemeinsames Leben nicht mehr vorstellen.

    Es war ein unendlich qualvoller Prozess. Ich trennte mich erst, als ich am absoluten Ende meiner Kräfte war. Eine Selbstrettung.

  • Zurück auf Feld 1

    Seit diesem Jahr hat mein Partner eine feste Freundin. Und nach wie vor gibt es alltägliche Situationen, in denen ich emotional überfordert bin, wenn auch mittlerweile meistens nur kurz, für ein paar Minuten. Ein Beispiel aus aktuellem Anlass: Mein Partner hat mir eröffnet, dass er bald ein verlängertes Wochenende mit ihr verbringen wird. Meine ersten Gedanken:

    1) Dann bin ich an diesem Wochenende ja allein! (was nicht wahr ist, denn ich kann mir sehr wohl etwas organisieren)

    2) Wieso planst du nur mit ihr verlängerte Wochenenden und besondere Unternehmungen und nicht mit mir? (was auch höchstens halb wahr ist).

    Ich war verletzt und wütend. Und gleichzeitig war ich selbst etwas verblüfft über meine Reaktion. Seit fünf Jahren beschäftige ich mich nun mit offenen Beziehungen. Ich bin mir mehr als sicher, dass diese Beziehungsform für uns die passende ist. Ich weiss, weshalb. Und doch fühle ich mich in solchen Momenten emotional wieder auf Feld 1 zurückgeworfen. Die erlernten alten emotionalen Muster schnappen wieder zu. Die Furcht, zu kurz zu kommen, wenn es da noch jemand anderen im Leben meines Partners gibt. Diese Furcht dann zu reflektieren und zu merken, sie ist unbegründet. Ich komme nicht zu kurz. Mein Partner vermittelt mir dieses Gefühl in keinster Weise. Schön ist es trotzdem, dass er gleich nach meinem emotionalen Ausbruch anbietet, im selben Monat auch ein verlängertes besonderes Wochenende zusammen zu verbringen.

  • What if…

    «Just imagine if choosing your life partner meant you got to have another first kiss, another affair, maybe fall in love totally again? What if you married someone to walk beside their ever-evolving journey, not to rope them into a role to make you the end-all forever?»

    Kiran Trace, in monogamish.

  • Das Beziehungsebenen-Modell

    Im Jahr 1890 betrug in Deutschland die durchschnittliche Ehedauer 20 Jahre, wie die Soziolog:innen Ulrich Beck und Elisabeth Beck-Gernsheim in ihrer fantastischen Analyse „Das ganz normale Chaos der Liebe“ festhalten (Lektüre highly recommended!). Geheiratet wurde ultra jung, danach folgten oft viele Kinder, die grossgezogen wurden, dann waren die 20 Jahre um und man starb.

    Heute werden wir im Durchschnitt sehr viel älter, und ob man eher 12 Kinder, oder doch eher 2 oder gar keine bekommt, ist grundsätzlich kontrollierbar. Sex bedeutet nicht mehr Gefahr!, man kann sich sowohl vor Schwangerschaften wie auch vor sexuell übertragbaren Krankheiten schützen. Frauen sind zudem finanziell oft nicht mehr abhängig von einem Mann, sie sind genau so gut ausgebildet.

    Diese Faktoren verändern das „traditionelle“ Paargefüge enorm. Wenn wir heute unsere*n Partner*in mit 30 kennenlernen, haben wir hypothetisch noch 50 gemeinsame Jahre vor uns. Uns selbst wenn wir schon 50 sind, bleiben uns noch 30 Beziehungsjahre. 30 Jahre!! Trotzdem halten die meisten Menschen an einem Beziehungsideal fest, als hätten wir immer noch 1890. Monogam und bis dass der Tod uns scheidet.

    Mit 34, nach 16 Jahren monogamer und sehr symbiotischer Beziehung realisierte ich, dass ich diese Lebensform unmöglich noch 50 weitere Jahre leben kann. Sie taugt nicht für unsere langen Leben und für die grundsätzlich möglichen sexuellen und anderweitigen Freiheiten.

    Meine Kernfrage war seither immer diese: Wie kann man heute, mit diesen veränderten Bedingungen, nachhaltige Partnerschaften leben?

    Mitten in unserer Vor-Trennungs-Beziehungskrise, in einem Café sitzend, kritzelten mein Partner und ich unsere Lösung zu diesem Problem auf eine Serviette: das Beziehungsebenen-Modell. Mittlerweile ist es für uns ein Leitmotiv geworden. Ich möchte es an dieser Stelle teilen.

    Unser Modell geht davon aus, dass wir mit jeder Person, mit der wir in Beziehung treten, egal ob Nachbar, Arbeitskollegin oder Partner, eine oder mehrere Beziehungsebenen teilen. Mögliche Beziehungsebenen sind: geteilte Aktivitäten und Interessen; gemeinsames Wohnen/Alltag; gemeinsame Projekte/Arbeitsbeziehung; Elternschaft; emotionale Nähe/Freundschaft; körperliche Nähe/Sexualität; Alltagsbegegnungen (zB durch Nachbarschaft), und Fürsorge und Unterstützung. Für meinen Partner und mich ist die emotionale Nähe die wichtigste und überdauernde Ebene. Zudem haben wir uns entschieden, immer füreinander da zu sein. In Form praktischer Hilfe, psychischer Unterstützung und auch materiell. Was wir nun anstreben: Alle anderen Ebenen dürfen sich laufend verändern. Ob wir gerade zusammen wohnen, oder nicht. Oft gemeinsame Aktivitäten unternehmen, oder nicht. Sex haben, oder nicht. Etc. All das darf in Bewegung sein, und stellt unsere grundsätzliche Verbundenheit nicht in Frage.

    Wir befinden uns nun im 3. Jahr der Umsetzung, und ich bin sehr unbesorgt, dass es auch weiterhin klappt.

  • Entscheidungsschwach

    Wenn man sich in einer klassischen Paarbeziehung fremdverliebt, gilt dies als Zeichen dafür, dass man den Partner nicht mehr liebt und ihn verlassen möchte.

    Psychologinnen fragten mich, ob ich denn unzufrieden sei? Ob mein Partner mich irgendwie nicht unterstütze? Einengend sei? Ob ich mich immer noch freue, ihn zu sehen? Ob ich immer noch Sex mit ihm haben möchte?

    Ich schwankte sehr lange zwischen Zweifeln, ob ich tief in meinem Innersten nicht einfach doch zum neuen Mann wollte, wie es mir meine hochgradige Verliebtheit ja suggerierte, oder ob mir der heteronormative Rahmen unserer Beziehung nicht mehr entsprach.

    Lange Zeit hielt ich mich deshalb schlicht für entscheidungsschwach. Für andere wäre dies wohl eine klare Sache: Verliebt! Na dann adieu!

    Gleichzeitig spürte ich jedoch deutlich, dass es nicht darum ging, meinen Partner „auszutauschen“. Trotz meiner Verliebtheit schreckte mich der Gedanke ab, mit einer neuen Person erneut in das gleiche Fahrwasser sozialer Erwartungen an eine romantische Partnerschaft zu springen. Das Gleiche wieder von vorne? Ich sah ja jetzt, wo das hinführt.