Kategorie: Emotionen

  • Und was ist, wenn du dich verliebst?

    Auch für viele sexuell offen lebende Paare ist das Szenario, dass man sich oder der/die Partner*in sich verlieben könnte, unerträglich. Wieso eigentlich?

    Ich finde diese Frage sehr wichtig, weil sie ganz viele unserer verinnerlichten romantischen Selbstverständlichkeiten offenbart. Und die gehen in etwa so: wenn man sich verliebt,

    • „liebt“ man den/die bestehende*n Partner*in offenbar doch nicht mehr.
      • Zwischenfrage: Was bedeutet es eigentlich, jemanden zu lieben?
      • Zwischenfrage 2: Was ist der Unterschied zwischen Verliebtheit und jemanden zu lieben?
    • schaltet sich das Hirn aus, da kann man leider nichts tun.
    • folgt man blind und unkontrollierbar seinen archaischen Impulsen.
    • will man automatisch ausschliesslich nur noch bei dieser neuen Person sein, alle anderen sind einem plötzlich ziemlich egal.
    • muss man sich entscheiden, wen man wirklich liebt.
    • kann man dermassen nicht mehr klar denken, dass man automatisch alles für die neue Person aufgibt.
    • ist das ein Zeichen, dass man sich trennen muss.
    • muss man mit der neuen Person eine heteroromantische Beziehung eingehen.

    Etc.pp. Befreien wir uns von dieser Naturgesetz-Logik, Leute (und yes, das ist anstrengend. Aber darum kommen wir offenen/poly Leute eh nicht herum). Verliebtheit ist ein Gefühl, und wir haben Gestaltungsspielraum, wie wir damit umgehen. Dass sich jemand in der Beziehung neu verliebt, ist einzig eine Frage der Zeit. Darauf zu hoffen, dass es nicht passiert, ist naiv. Verhängnisvoll wird es erst, wenn man die Verliebtheit zum No-Go erklärt und sie keinen Raum haben darf. Dann wird es schnell sehr eng und unerträglich (can confirm). Begegnet man ihr hingegen freundlich, ist für alle Beteiligten so vieles mehr möglich (can confirm as well).

  • Emotionale Sicherheit

    Können sich polyamor oder offen lebende Personen nicht wirklich committen? Haben sie einfach Bindungsprobleme? Einige vermutlich schon, wobei sich diese Gruppe sicher nicht auf polyamor und offen lebende Personen beschränkt (und nebenbei: Auch diese Menschen sollen schliesslich Beziehungen gemäss ihren Möglichkeiten und Bedürfnissen führen dürfen).

    Auf mich trifft es jedenfalls nicht zu. Wenn ich weiss, dass ich etwas kann, dann ist es die committete Langzeitbeziehung. Ich brauche verlässliche Beziehungen in meinem Leben, in denen ich mich geborgen und aufgehoben fühle. Ohne sie wäre ich lost, keine Frage. Bei meinem Partner und mir besteht diese Verlässlichkeit seit 21 Jahren und wir versichern sie uns gegenseitig immer noch sehr regelmässig. In diese Richtung entwickelt sich auch die frische romantische Beziehung, die ich führe. Auch in einigen Freundschaften ist Commitment vorhanden.

    In einer idealen Welt würde ich mir wünschen, dass wir emotionale Sicherheit noch viel stärker auch in nicht-romantischen Beziehungen suchen und erleben. Weil erstens bedeutet es per se ein hohes Risiko, Verlässlichkeit und Geborgenheit an eine einzige Person zu koppeln, wie das in klassischen Beziehungen meistens der Fall ist. Und zweitens ist es in meinen Augen kein starkes Fundament für eine Beziehung, emotionale Sicherheit an sexuelle Anziehung zu knüpfen. Sexuelle Anziehung ist etwas Flüchtiges. Sie kann sich davonmachen und macht das in den allermeisten Fällen auch irgendwann. Ob nach fünf, zehn oder 15 Jahren. Und dann? Die Gesellschaft hat auf diese Frage keine Antwort, ausser Trennung, Resignieren oder Fremdgehen. Mein Plädoyer: Transformieren wir unsere romantischen Beziehungen, gerade die langjährigen. Lassen wir sie flexibler und biegsamer sein, sodass sie sich mit dem Leben weiterentwickeln können. Wenn die klassische Beziehung nach x Jahren keine sexuelle mehr ist, sondern sich zu einer strapazierfähigen Partnerschaft entwickelt hat, ist das doch wunderbar! Dann behalten wir das doch bei und geben einander in romantischer Hinsicht wieder frei. Mir kommen die oft abrupten Beziehungsabbrüche bei Trennungen in klassischen Beziehungen bindungsmässig oft grausam vor. Die Person, mit der man gestern noch den gesamten Alltag geteilt hat, und die die wichtigste Person im Leben war, wird mit der Trennung praktisch aus dem Leben verbannt. What the hell. Und das soll „normal“ sein (siehe auch Beitrag «Wegkommen vom Entweder-Oder«)

    Seit ich offen/poly/beziehungsanarchistisch whatever lebe, erfahre ich eindeutig mehr bedeutungsvolle Bindungen als zuvor. Gleichzeitig bleibt mir auch die Möglichkeit, Beziehungen ohne oder mit weniger Commitment zu führen, wenn das für beide stimmt.

    Wer sich vertieft mit emotionaler Sicherheit, (eigenen) Bindungsmustern etc. in nicht-monogamen Beziehungen auseinandersetzen möchte, der*m lege ich das Buch „Polysecure“ der Psycho- und Paartherapeutin Jessica Fern ans Herz. Obwohl es erst 2023 publiziert wurde, gilt es bereits jetzt als Standardwerk zu diesem Thema.

  • If avoidung any risk goes first on your list, it’s your fear that is alive, not you

    Ein Freund hat kürzlich zu Recht angemerkt, dass unser „Beziehungsebenen-Modell“ recht abstrakt ist. Da emotional mitzukommen sei noch einmal etwas ganz anderes. Er fragte mich, wie ich das erlebe. (An dieser Stelle nur ganz kurz: Im besagten Modell geht es darum, dass sich Beziehungen verändern dürfen. Das heisst für meinen Partner und mich: Ob wir gerade zusammen wohnen oder nicht, viel Zeit zusammen verbringen oder nicht, körperliche Intimität leben oder nicht … All das stellt unsere grundsätzliche Verbundenheit und unsere Beziehung nicht infrage. Die „Beziehungsebenen“ können und dürfen je nach Lebensphase unterschiedlich ausgeprägt sein.)

    Damit einher ging (und geht) ein kompletter Wandel des Mindsets. Das bedeutete etwa vier Jahre lang mehr oder weniger konstante emotionale Schwerstarbeit. Einmal durch die emotionale Hölle und zurück. Ganz am Anfang rang ich zum Beispiel enorm damit, wieso ich überhaupt das Bedürfnis habe, Sexualität ausserhalb meiner Partnerschaft zu leben. Stimmt etwas nicht mit mir? Bin ich derart willensschwach? Warum kann ich nicht einfach dankbar sein für diesen fantastischen Mann an meiner Seite und die Füsse stillhalten? Monate lang versuchte ich immer wieder, dieses Bedürfnis auszulöschen, weil ich die möglichen Konsequenzen so fürchtete. Manchmal hatte ich das Gefühl, innerlich regelrecht zu dissoziieren, sodass ich keinerlei Gefühle mehr wahrnahm und dachte, nun sei vielleicht alles gut. Bis ich merkte, dass das nicht funktionierte und ich in Panikattacken verfiel (die ich schon von früher kannte). Ein zweites Beispiel: Als mein Partner zum ersten Mal eine Freundin hatte, befanden wir uns gerade im Übergang zwischen unserer Trennung und unserem erneuten Zusammenfinden. Ich fand seine Beziehung emotional ganz und gar nicht easy. Ich fühlte mich bedroht. Ich war neidisch, dass er diese Erfahrung machen und seine Verliebtheit ausleben konnte, während mir das untersagt blieb. Teilweise überkamen mich Abscheu und Ekel und ich zweifelte massiv daran, ob das mit uns gut kommt.

    Noch schlimmer allerdings wäre es für mich immer gewesen, mich diesen Gefühlen nicht zu stellen und ihnen nicht auf den Grund zu gehen. Mein persönliches Worst-Case-Szenario wäre, von Angst getrieben zu leben. Etwas nur aus Angst zu tun oder zu unterlassen, ist für mich kein ausreichender Grund für irgendetwas. Vermutlich war es dieser existenzielle Widerwille, mich der Angst zu beugen, der mich letztlich immer wieder angetrieben hat. Ich möchte nicht von Angst, Neid oder Schmerz angetrieben sein, sondern von Liebe, Vertrauen und Grosszügigkeit. Zudem weiss ich aus langjähriger Erfahrung mit der Angst (Panikattacken etc. lassen grüssen): Kein Zustand ist schlimmer, lähmender, schädlicher, als in der Angst zu bleiben. Es stattdessen zu wagen, ist für mich immer die bessere Variante.

  • Warum eine offene Beziehung? Teil 1, Trennung

    Wenn ich erzähle, dass ich in einer offenen Partnerschaft lebe, sagt das Gegenüber oft als Erstes „Das könnte ich nicht“.

    Wieso also ist es bei uns dazu gekommen? Weshalb „können“ wir das? 

    Der offenen Partnerschaft ging eine Trennung voraus. Das ist für unsere Geschichte sehr wichtig. Ich trennte mich, und zwar aus zwei Gründen.

    Der eine Grund betraf, obviously, die Monogamie und Romantik. Wie in anderen Beiträgen schon beschrieben, verliebte ich mich – und zwar gewaltig. In den 2 Jahren vor der Trennung versuchten mein Partner und ich, gemeinsam einen Weg zu finden, standen dabei aber an völlig unterschiedlichen Punkten. Die Verliebtheitserfahrung war dabei sehr prägend für mich, weil dieses Gefühl in unserer damaligen Partnerschaft absolut keinen Platz hatte. Mir ging es nicht nur darum, mit anderen Menschen schlafen zu können, sondern auch darum, frei zu sein in Bezug auf meine Gefühle, meine Sexualität, und wie ich diese gestalten möchte.

    Der andere Grund, der genau so entscheidend war, betraf meine damalige unhinterfragte, selbstverständliche Erwartung an eine Partnerschaft, dass es gemeinsame Projekte braucht. Mein Bedürfnis war es, gemeinsam coole Projekte zu reissen. Ich hatte viele Ideen über viele Jahre hinweg, und stiess mit diesen nie auf Begeisterung bei ihm. Bis zu dem Punkt, als mir dämmerte, dass er dieses Bedürfnis schlicht nicht hat, und ich die Perspektive für unser Leben komplett verlor. Denn für mich gab es (abgesehen von der Arbeit und gewissen Hobbys) nur das gemeinsame Leben. Ich war hochgradig symbiotisch und kaum eigenständig als Persönlichkeit. Doch ohne gemeinsame Perspektive konnte ich mir ein gemeinsames Leben nicht mehr vorstellen.

    Es war ein unendlich qualvoller Prozess. Ich trennte mich erst, als ich am absoluten Ende meiner Kräfte war. Eine Selbstrettung.

  • Zurück auf Feld 1

    Seit diesem Jahr hat mein Partner eine feste Freundin. Und nach wie vor gibt es alltägliche Situationen, in denen ich emotional überfordert bin, wenn auch mittlerweile meistens nur kurz, für ein paar Minuten. Ein Beispiel aus aktuellem Anlass: Mein Partner hat mir eröffnet, dass er bald ein verlängertes Wochenende mit ihr verbringen wird. Meine ersten Gedanken:

    1) Dann bin ich an diesem Wochenende ja allein! (was nicht wahr ist, denn ich kann mir sehr wohl etwas organisieren)

    2) Wieso planst du nur mit ihr verlängerte Wochenenden und besondere Unternehmungen und nicht mit mir? (was auch höchstens halb wahr ist).

    Ich war verletzt und wütend. Und gleichzeitig war ich selbst etwas verblüfft über meine Reaktion. Seit fünf Jahren beschäftige ich mich nun mit offenen Beziehungen. Ich bin mir mehr als sicher, dass diese Beziehungsform für uns die passende ist. Ich weiss, weshalb. Und doch fühle ich mich in solchen Momenten emotional wieder auf Feld 1 zurückgeworfen. Die erlernten alten emotionalen Muster schnappen wieder zu. Die Furcht, zu kurz zu kommen, wenn es da noch jemand anderen im Leben meines Partners gibt. Diese Furcht dann zu reflektieren und zu merken, sie ist unbegründet. Ich komme nicht zu kurz. Mein Partner vermittelt mir dieses Gefühl in keinster Weise. Schön ist es trotzdem, dass er gleich nach meinem emotionalen Ausbruch anbietet, im selben Monat auch ein verlängertes besonderes Wochenende zusammen zu verbringen.

  • Entscheidungsschwach

    Wenn man sich in einer klassischen Paarbeziehung fremdverliebt, gilt dies als Zeichen dafür, dass man den Partner nicht mehr liebt und ihn verlassen möchte.

    Psychologinnen fragten mich, ob ich denn unzufrieden sei? Ob mein Partner mich irgendwie nicht unterstütze? Einengend sei? Ob ich mich immer noch freue, ihn zu sehen? Ob ich immer noch Sex mit ihm haben möchte?

    Ich schwankte sehr lange zwischen Zweifeln, ob ich tief in meinem Innersten nicht einfach doch zum neuen Mann wollte, wie es mir meine hochgradige Verliebtheit ja suggerierte, oder ob mir der heteronormative Rahmen unserer Beziehung nicht mehr entsprach.

    Lange Zeit hielt ich mich deshalb schlicht für entscheidungsschwach. Für andere wäre dies wohl eine klare Sache: Verliebt! Na dann adieu!

    Gleichzeitig spürte ich jedoch deutlich, dass es nicht darum ging, meinen Partner „auszutauschen“. Trotz meiner Verliebtheit schreckte mich der Gedanke ab, mit einer neuen Person erneut in das gleiche Fahrwasser sozialer Erwartungen an eine romantische Partnerschaft zu springen. Das Gleiche wieder von vorne? Ich sah ja jetzt, wo das hinführt.

  • Sich verlieben als Katastrophe

    Warum wird es eigentlich als Katastrophe angesehen, sich in einer klassischen Partnerschaft zu verlieben?

    Das hiesse ja, dass ich mich ausser in meinen Partner bis an mein Lebensende nie nie nie wieder in jemanden verlieben dürfte, weil Katastrophe.

    Ich hatte meinen Partner mit 18 kennengelernt.

    ?!